Die Zahl der Straßenkinder nimmt in Ägypten stetig zu. Deshalb wurde bereits im Jahr 2003 ein nationaler Aktionsplan zum Schutz und der Wiedereingliederung von Straßenkindern entworfen, dessen Umsetzung sich allerdings als problematisch erweist. Ein nationaler Rat wurde mit der Koordinierung von NGOs und Regierungsorganisationen betraut, auch, um das öffentliche Ansehen der Straßenkinder zu verbessern: Sie sollten nicht mehr als abweichend und kriminell, sondern als Opfer wahrgenommen werden. Verantwortliche und Experten sind sich jedoch uneins über die Ursachen des Problems. Ägyptens Familienministerin Moshira Khattab sieht einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Straßenkinder, Kinderarbeit und der Verheiratung minderjähriger Mädchen (und damit einer Bevölkerungszunahme). Die Direktorin des ägyptischen Zentrums für Wohnrecht sieht die Ursachen dagegen eher in einem mangelhaften Schulsystem und großer Armut. Auch UNICEF spricht von differenziert zu betrachtenden Ursachen und der Notwendigkeit komplexer Bewältigungsstrategien: So treiben Armut, Migration, schlechte Unterkünfte, Schulabbrüche und Gewalt die Kinder auf die Straßen. Die Folgen sind ebenso vielfältig. Neben schlechter Ernährung, mangelhafter Hygiene und Analphabetismus sind die betroffenen Kinder auch sozialen Benachteiligungen ausgesetzt.
Kinderarbeit ist in Afrika an der Tagesordnung. Kinder werden als billige Arbeitskräfte angesehen, die sich aus Angst vor Misshandlungen nicht wehren. Das ist die Geschichte von Shyima, die in California als Haushalterin arbeitete. Shyima war neun Jahre alt, als ihre Familie sie zu Amal Motelib und Nasser Ibrahim, ein reiches ägyptische Paar, dass in Kairo wohnte, verkaufte. Wegen den Behandlungskosten ihres Vaters musste Shyimas Familie Motelib und Ibrahim um Geld bitten. Das Paar sagte, dass das Geld nur dadurch zurückgezahlt werden können, dass Shyima mit ihnen in die Vereinigten Staaten umziehe. Ihre Familie stimmte zu und 2000 zog Shyima mit ihnen nach Irvine, California, wo sie bis zu 20 Stunden pro Tag arbeitete, um das riesige Haus ohne Pausen oder Ruhtage Instand zu halten. Ihr Gehalt war USD$45 pro Monat und ihre Wohnung eine fensterlose Garage ohne Licht.
Die Kinder, die als Haushalter in den Vereinigten Staaten arbeiten, wandern mit vielen reichen Afrikaner ein, die Kinder in ihre Heimatländer als Haushalter anstellen. Sobald die Kinder in ihrem Haus in dem U.S.A. sind, gehen sie nie zur Schule und sind ihnen hilflos ausgesetzt. Shyima dachte nie daran, wegzulaufen. „Ich glaubte, dass es normal war“, sagte sie.
Obwohl Ägypten die UN-Kinderrechtskonvention von 1990 unterschrieben hat, ist Kinderarbeit laut UNICEF-Aussagen weiterhin ein immenses Problem. Viele Kinder speziell in der Hauptstadt Kairo werden aus Armut auf die Straße geschickt, um ein paar Ägyptische Pfund für die Familie dazu zu verdienen; andere flüchten von zu Hause, weil sie dort misshandelt werden. Die Kinder haben dann kein Zuhause mehr, sondern leben in den Straßen der 20-Millionen-Metropole. Um ein wenig Geld für Nahrung zu verdienen, verkaufen sie Früchte oder Taschentücher im Kairener Verkehr, indem sie bei Staus von Auto zu Auto laufen. Das Wenige, das sie dabei verdienen, dürfen sie oft nicht behalten, sondern müssen es an ihre 'Aufseher' - meist lediglich ein paar Jahre ältere Jugendliche - weitergeben. Die arbeitenden Kinder werden von organisierten Ringen kontrolliert und durch Ausübung von Gewalt, Drohungen und Drogen gefügig gemacht. Vor Fotokameras haben die Kinder panische Angst; sie wissen, dass Fotos von ihnen in der Presse ihren 'Aufsehern' nicht gefallen würden. Um dieses System zu durchbrechen, arbeiten UNICEF, Caritas und andere Organisationen zu Fuß in den Straßen Kairos, um manche der Kinder in Lernzentren zu bringen, wo ihnen Lesen und Schreiben beigebracht wird und sie etwas zu essen bekommen. Nur ein Bruchteil der Kinder kann jedoch dauerhaft in diesen Zentren bleiben. Es gibt zu viele von ihnen und zu wenig Zentren im Straßengewirr Kairos.
Seit mittlerweile 20 Jahren gibt es in Ägypten die Sekem-Farm, ein Projekt gegen ausbeuterische Kinderarbeit und Analphabetismus mit großem Erfolg.
Während viele Kinder in Ägypten auf den Feldern ihrer Eltern arbeiten, ohne in die Schule gehen zu können, oder gar als Schuldknechte verkauft wurden, bietet die Sekem-Farm akzeptable Arbeitsbedingungen, einen Lohn und Schulbildung. Die Kinder bekommen so die Möglichkeit, aus der Armut zu entkommen und später einer bezahlten Arbeit nachzugehen, von der sie ihre eigene Familie ernähren und ihre Minder zur Schule schicken können. Über 400 Kinder lernen zurzeit in der Schule der Sekem-Farm.
Auch eine Berufsschule und eigene Fabriken gehören zur Farm. In diesen Fabriken können viele der Schüler nach ihrer Ausbildung einen Arbeitsplatz bekommen.
Der Leiter der Farm möchte das Projekt gern ausweiten, um mehr Kindern eine Chance auf Bildung zu geben. – Besonders den Kindern in der Schwerindustrie und in den Steingruben, die es auch gibt.